17.05.2002

Trauerspiel oder Politposse?

Alleen beim Schloss Clemenswerth im Emsland von Kahlschlag bedroht

Von Ellen Meyer*

Das Schloss-Ensemble Clemenswerth ist ein einzigartiges Kulturdenkmal. Das barocke Kleinod im Emsland verdankt seine besondere Aura nicht zuletzt den vier prächtigen Alleen, die das Schlossgelände strukturieren. Ein umstrittenes Konzept zur Rebarockisierung der Gartenanlage bedroht jetzt den gewachsenen Baumbestand.

In Sögel, fernab der Ballungszentren nahe der niederländischen Grenze gelegen, verbirgt sich in einem 62 Hektaren grossen Waldpark ein barockes Kleinod, Schloss Clemenswerth. Das Jagd-Ensemble besteht aus einem Hauptschloss, sieben Pavillons und einer Kapelle, die als «nördlichste Rokokokapelle Bayerns» gilt. Dieses einzigartige Juwel liess der Kölner Kurfürst Clemens August aus dem Hause Wittelsbach von dem Architekten Johann Conrad Schlaun zwischen 1737 und 1749 im nördlichen Emsland erbauen. Unter dem Motto «Rebarockisierung» saniert der jetzige Eigentümer, der Landkreis Emsland, vier Alleen und vier Schneisen, die in der Form eines Jagdsterns auf Schloss und Pavillons zulaufen. Im Zuge der Sanierung wird ein grosser Teil des alten Baumbestandes abgeholzt.

Der Ansatz der Denkmalpflege

«Wir kristallisieren heraus, welche Strukturen für dieses hochrangige Denkmal existenziell wichtig sind. Dabei haben wir in einem Konzept festgelegt, wie wir den Gesamtkomplex in seine Forst- und Denkmalstrukturen zurückführen», sagen Andrea Kaltofen, die Kulturamtsleiterin des Landkreises Emsland, und Reinhard Winter, Erster Kreisrat. An diesem denkmalpflegerischen Ansatz scheiden sich die Geister: Umweltschützer stellen sich gegen Kunsthistoriker; die Politiker geben als ausführendes Organ die Leitlinie vor. Der Wille der Bevölkerung indes ist nicht gefragt.

Das gesamte Erscheinungsbild des barocken Ensembles, das sich in über 250 Jahren herausgebildet hat, soll sich innerhalb von sieben bis zehn Jahren ändern. Der Anfang ist schon gemacht. Die Horst'sche Allee ist bereits abgeholzt. 93 amerikanische Roteichen wurden gefällt und durch 144 Kaiserlinden ersetzt, eine Neuzüchtung, die es erst seit 100 Jahren gibt. Bäume des angrenzenden Waldsaums mussten bis auf 10 Meter weichen, damit der Nachwuchs genügend Licht erhält. Schlieslich soll in ungefähr 80 bis 180 Jahren für die nächste und übernächste Generation das barocke Gartenkonzept Schlauns sichtbar sein. Die Spuren der Zeit, die sich in dem gesunden Plenterwald mit seiner naturnahen Bewirtschaftung widerspiegelten, sind dann allerdings unwiderruflich verloren.

Historische Vorlage mit Fragezeichen

Bereits der historische Gartenentwurf Schlauns spaltet die Meinungen. Denn für den Naturschutzbund (NaBu) und den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschlands (B.U.N.D.) bleibt fraglich, ob das Konzept jemals realisiert wurde. Es gibt Pläne, auf denen der Architekt Baumarten festlegt und eingezeichnet hat. Darauf berufen sich die Kunsthistoriker. «Aber der barocke Charakter wurde nicht durchgeführt. Die Bäume sind nie beschnitten und in Form gehalten worden», entgegnet Manfred Neubert vom Naturschutzbund Werlte/Sögel.

Kurfürst Clemens August nutzte sein Schloss nur für wenige Wochen im Jahr. Dann reiste er aus der rheinischen Residenz in die «emsländische Steppe», um seiner Jagdleidenschaft zu frönen. Historisch belegt ist, dass die Bauern im Emsland kein Interesse daran hatten, für den adligen Besitzer den barocken Garten zu pflegen. Schlaun beschwert sich denn auch in einem Brief an den Kurfürsten darüber, dass das Gras zwischen den Bäumen meterhoch wuchs. Im Zuge der Säkularisierung erhielt das deutsch-belgische Herzoghaus Arenberg 1803 Jagdschloss und dazugehörige Ländereien anstelle seiner linksrheinischen Güter, die Napoleon für Frankreich annektiert hatte. Die neuen Besitzer begründeten im nördlichen Emsland die Forstwirtschaft. Auf der kargen und sandigen Geestlandschaft entstanden grosse Waldflächen.

Kahlschlag als Ultima Ratio?

Der Mode der Zeit entsprechend pflanzten die Arenberger 1904 am Schloss die schon erwähnte Roteichenallee. Ihr prächtig gelbrot gefärbtes Laub gab dem Jagdschloss im Herbst sein malerisches Erscheinungsbild. «Aber Roteichen werden nur 100 Jahre alt. Wenn sie absterben, brechen aus den Baumkronen grosse Äste ab. Dies ist eine Gefahr für die Besucher», stellte Winfried Frölich, der Forstdirektor der Arenberg-Meppen GmbH, 1996 fest. Auf sein Anraten sollten die Roteichenallee erneuert und innerhalb von 20 Jahren die übrigen Alleen unter ökologischen Gesichtspunkten weiter saniert werden. Sein Vorschlag lautete: «Kahlschlag auf halber Roteichenallee in Anlehnung an das Parkpflegewerk, das der Landkreises 1995 extra für Clemenswerth erstellen liess, im Abstand von fünf Jahren. Als Ersatz für die abgängigen Roteichen sollten Linden gepflanzt werden.» In den übrigen Alleen hätten die jungen Bäume unter dem Schutz der älteren nachwachsen können.

Dies lehnte die Kulturamtsleiterin Andrea Kaltofen ab. Statt dessen forderte sie die Abholzung der gesamten Allee. Winfried Frölich ordnete sich diesem Vorschlag unter. Er stellte einen vom Landkreis vorformulierten Antrag, den der Oberkreisdirektor (OKD) Hermann Bröring jedoch ablehnte. Da die abbrechenden Äste eine Gefährdung für Besucher darstellen können und die Arenberg-Meppen GmbH als Besitzer dafür haftbar wäre, will sie im Februar 1998 die Roteichenallee sperren lassen. Gleichzeitig spricht sich Hermann Bröring auch gegen das Fällen der Horst'schen Allee aus. Am 14. Februar 1998 sagt er: «Rodung ist die letzte Alternative.»

Vier Wochen später hat der Oberkreisdirektor seine Meinung geändert. In der Ausschusssitzung des Landkreises geht es erstmals um die Planung und deren Umsetzung. Am 26. März 1998 schreibt die regionale Presse im Sinne der Politiker: «Alleen auf Clemenswerth sind nicht mehr zu retten.» Plötzlich sollen alle Alleen gerodet und durch neu angepflanzte Linden ersetzt werden.

Expertisen und Gegenexpertisen

Gutachten sollen die neue These belegen. Allerdings erweisen sich diese für Bröring als Bumerang, denn die forstwissenschaftliche Beurteilung von Forstoberrat Alexander Rosenberg (1998) belegt, dass der 250 Jahre alte Wald und die Alleebäume überwiegend gesund sind. Damit die Lindenalleen neu angelegt und unter optimalen Lichtverhältnissen wachsen können, muss ein Kahlschlag auf Autobahnbreite anvisiert werden. Rosenberg kritisiert das Vorhaben: «Da nicht belegt ist, dass die damaligen Entwürfe von Schlaun auch tatsächlich vollständig realisiert wurden, erscheint das Projekt als eine im Wesentlichen erstmalige Realisierung feudalistischen Gestaltungswillens durch eine demokratisch-staatliche Einrichtung.»

Dieser Satz erregt den Unwillen Hermann Brörings. Er beschwert sich beim Kammerdirektor der Landwirtschaftskammer Weser-Ems, bei der Rosenberg angestellt ist. Kurz entschlossen wird das Gutachten zurückgezogen. Ende 1998 schaltet sich der Naturschutzbund ein. Bei einer Bürgerinformation der streitenden Parteien sagt der Oberkreisdirektor: «Wir müssen unser Denkmal Clemenswerth für die nachfolgenden Generationen erhalten.» Er verschweigt, dass er dafür alle Alleen beseitigen will.

Ad hoc starten die Bürger der Samtgemeinde Sögel eine Unterschriftenaktion, um gegen die Abholzung des Waldes zu demonstrieren. «Sofort hatten wir 2500 Unterschriften zusammen», erinnert sich Manfred Neubert vom Naturschutzbund. Viele Schüler engagieren sich für den Erhalt der Bäume als Naturdenkmäler. Eine 100 Jahre alte Rotbuche produziere so viel Sauerstoff wie 2500 kleine Bäume, argumentieren sie.

Der Landkreis Emsland gibt ein neues Gutachten in Auftrag, an dem sich niedersächsische Behörden beteiligen: das Forstamt Lingen als beratende Dienststelle des Landkreises Emsland, das Landesamt für Denkmalpflege in Hannover und das Forstplanungsamt in Wolfenbüttel. Pikantes Detail: die verwandtschaftliche Beziehungen von Oberkreisdirektor Bröring zu Forstdirektor Franz Hüsing vom Forstplanungsamt Wolfenbüttel, der an der Expertise mitarbeitet. Die Umweltschützer orten hier den Grund dafür, dass anstelle der Landwirtschaftskammer, die für den Privatwald zuständig wäre, jetzt das staatliche Planungsamt eingeschaltet wird. Das Ergebnis der Expertise lässt sich erahnen. Unter Vorbehalt wird eine Sanierung der Alleen empfohlen. Allerdings weist auch dieses Gutachten darauf hin, dass Erhaltung und Pflege des Baumbestandes vor der Sanierung der Alleen Vorrang haben sollen.

Winkelzüge ohne Ende

Jetzt holt Hermann Bröring zum Gegenschlag aus. Er will per Pflegevertrag die Arenberg-Meppen GmbH dazu verpflichten, innerhalb von 10 Jahren die Alleen zu erneuern. Forstdirektor Frölich führt seinerseits ins Feld, dass die GmbH das Kostenrisiko zur Pflege der neuen Kaiserlinden nicht alleine tragen könne. Ein Baum kostete zum damaligen Zeitpunkt 1000 Mark. Ausserdem, so Fröhlich, wüchsen nicht auf allen geforderten Stellen Linden; Sandboden sei kein geeigneter Standort für diese Baumart. Zudem sei Schädlingsbefall bei der Monokultur nicht auszuschliessen.

Der Naturschutzbund wundert sich indes über das inkonsequente Vorgehen des Landkreises. «Bei allen Überlegungen wurde eine Allee ausgeschlossen, nämlich die Sögeler Allee, die direkt vom Schloss in das Dorf führt. Gerade diese Zufahrt weist kaputte Bäume auf», sagt Manfred Neubert.

Der Oberkreisdirektor fordert rasches Handeln des Waldbesitzers und droht ihm mit enteignungsähnlichen Massnahmen, falls die Allen nicht sogleich saniert werden. Um ein längeres Gerichtsverfahren zu vermeiden, einigen sich die Kontrahenten schliesslich auf einen Landtausch. Der Landkreis Emsland erhält 32 Hektaren des naturbewirtschafteten Waldes um das Schloss Clemenswerth und die Arenberg-Meppen GmbH als Gegenwert dafür einen 80 Hektaren grossen Kiefernforst im südöstlichen Emsland bei Beesten. Nachträglich wird das Objekt vom Landkreis in die Flurbereinigung eingefügt, um Kosten zu sparen.

Der Naturschutzbund vergleicht die entstehenden Preise miteinander. Der Wald bei Beesten kostet 1,3 Millionen Mark, die Sanierung der Alleen mindestens 600 000 Mark. Aber auch in diesem Fall ist Bröring findig. Er ist Mitglied der VGH Stiftung Hannover, einem Zusammenschluss der Landschaftlichen Brandkasse und der Provinzial Lebensversicherung Hannover, die zu ihrem 250-jährigen Bestehen eine Stiftung zur Förderung von Wissenschaft, Kultur und Mildtätigkeit errichteten. Die Geschäftsführerin Sabine Schormann beteiligt sich mit 100 000 Mark an der Sanierung der Clemenswerther Alleen. Weitere 400 000 Mark kommen aus der Kirchenstiftung der Klosterkammer Hannover, die für den Grundstückserwerb verwendet werden. Dies löst bei den Umweltschützern Irritationen aus, denn die Klosterkammer verwaltet selber Waldliegenschaften. Erträge ihrer Arbeit werden nun für eine zweifelhafte Waldsanierung ausgegeben.

In Clemenswerth wird derweil fleissig «instand gesetzt». Eckard Wagner, Museumsleiter des Schlosses und Angestellter des Landkreises, sagt: «Der Park ist in einer Phase des Umgestaltens. Das Gesamtbild verändert sich. Die soldatische Reihung der Linden ist eine Rückkehr zum Absolutismus. Mit der friderizianischen Ordnung zieht ein anderer Zeitgeist nach Clemenswerth. Letztlich wissen wir nicht, wie das Bild am Ende aussehen wird.»

* Die Autorin ist freie Journalistin in Lingen/Ems.

Neue Zürcher Zeitung, Ressort Spektrum Deutschland (Int. Ausgabe), 17. Mai 2002, Nr.112, Seite

 

Erich Jaeger

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