Da draußen tobt ein Krieg, alter Freund! Ein Weltkrieg! Und es geht nicht darum, wer die meiste Munition hat… Es geht darum: Wer kontrolliert die Informationen? *
* Zitat aus dem US-Spielfim Sneakers - Die Lautlosen von 1992
- Axiome der Verdummung
Die große Verdummung, die am Beispiel des Konflikts um Grönland deutlich gemacht werden soll, ist keine Wertung über die Intelligenz von Menschen und auch keine Unterstellung von bösen Absichten. Vielmehr geht es darum aufzuzeigen, dass allen Konflikten, die in irgendeiner Weise in Aggressionen ausarten, Verdummungen vorausgehen. Dass sie bis heute wiederholt werden, steht für die große Verdummung. Man erkennt sie an drei Axiomen, die in der Welt der Moderne gelten.
Es gibt gute und böse Interessen
Fakten haben etwas mit Objektivität zu tun
Informationen dienen der Wahrheitsfindung
Die drei Axiome kommen in zwei Sphären zur Wirkung, einer bewussten und einer unbewussten. In allen dreien geht es um Informationen. In der bewussten werden sie gezielt ausgesucht (manchmal sogar erfunden) und benutzt, um eigene Interessen als “gut” darzustellen und die der Konfliktgegner als “böse”. In der unbewussten werden diese Informationen übernommen und geglaubt. Polarisierung ist die Folge, an dessen Ende immer wieder Krieg steht. Der amerikanische Vietnamkrieg ist ein Klassiker dieser Verdummung.
- Vietnam – vom Vernichtungskrieg zum Golfspielen
Als Folge der Kolonialzeit und des 2. Weltkrieges hatte sich in Nordvietnam eine kommunistische Gesellschaft herausgebildet. Südvietnam war, zumindest offiziell, eine Demokratie nach westlichem Vorbild. Um das Land zu vereinen, unterstützte der Norden die kommunistische Befreuungsorganisation im Süden, den Vietkong, im Kampf gegen die Regierungstruppen des Südens. Erfolge des Nordens veranlassten die USA 1965 mit eigenen Truppen in den Krieg einzugreifen. Die militärische Unterstützung des Nordens durch die kommunistischen “Riesen” Sowjetunion und China konnte für die USA nur eines bedeuten. Es ging in diesem Konflikt um die globale Verbreitung des Kommunismus, eine existenzielle Bedrohung der USA und des freien Westens. Dass es auch eine ganz andere Erklärung für den Konflikt gab, wollten/konnten die Amerikaner nicht denken. Der kommunistische Verhandlungsführer Le Duc Tho hatte schon während der Friedensgespräche in Paris 1973 seinem amerikanischen Gesprächspartner Henry Kissinger erklärt, dass es in Vietnam nicht um die Weltherrschaft des Kommunismus gehe, sondern ein Bürgerkrieg sei. Jahre später haben prominente Amerikaner aus Politik und dem Militär, die während des Vietnamkrieges Führungsverantwortung hatten, diesen Umstand eingesehen und das militärische Eingreifen der USA, das 4 Millionen Menschen darunter 58 000 Amerikanern das Leben gekostet hat, nachträglich für falsch erklärt. Zwanzig Jahre nach dem Sieg der Kommunisten wurden unter US-Präsident Clinton die Beziehungen zwischen den USA und dem einst verhassten Feind normalisiert. Heute fliegen US-Amerikaner nach Vietnam, um in einer der malerischen Hotelanlagen Golf zu spielen. – Eigentlich hätte man aus dieser Geschichte lernen müssen. Dem war nicht so. Die große Verdummung ging weiter, wie die Kriege auf dem Balkan, in Asien und Afrika belegen. In allen hat das Denken in den genannten Axiomen irgendwann zum Krieg geführt. Vom Frieden keine Spur, und der nächste Konflikt klopft schon wieder an die Tür. Es geht um den Anspruch des US-Präsidenten Donald Trump auf Grönland.
- Grönland – Europa zwischen Bündnistreue und Rechtschaffenheit
Trumps aggressives Betreiben, Grönland zu besitzen und der dänische/grönländische Anspruch, vereint und unabhängig zu bleiben, hatte die Europäer in einen Interessenkonflikt gestürzt. Wie sollte man die Fahne der Rechtschaffenheit in der europäischen Wertegemeinschaft hochhalten, ohne gleichzeitig die Führungsmacht in der atlantischen Gemeinschaft zu verprellen. Man bediente sich der bekannten Verdummungsaxiome und beschwörte Bedrohungs-Narrative der Vergangenheit, die von der Trump-Administration zu gern geechot wurden. Die Eingliederung Grönlands in die USA diene dem Schutz der Bodenschätze Grönlands und denen unter dem Meeresgrund der Arktis vor einer russischen/chinesischen Ausbeutung. Außerdem gehe es darum, die polaren Handelswege einer russischen/chinesischen Einflussnahme zu entziehen. Sogar das klassische und waffentechnisch überholte Argument der Verteidigung der USA und Kanadas gegen einen russischen Atomangriff über den Nordpol wurde wieder hervorgeholt. Trotz aller Anbiederung der Europäer, auf diese Argumente einzugehen, konnten sie den US-Präsidenten nicht davon abbringen, Grönland in Besitz nehmen zu wollen. Dabei hätten sie jetzt die historische Chance, mit der altbekannten Verdummung zu brechen. Sie lässt nämlich nur entweder/oder Lösungen zu, an dessen Ende fast immer ein Krieg wartet.
- Weg vom Kontrolldenken hin zur Kooperation – Der Arktische Rat
Es gibt andere Fakten und Informationen, die nicht in die Konfrontation führen. Ihr Axiom ist: Weg vom Kontrolldenken hin zur Kooperation. In 1996 haben die Arktisstaaten das umgesetzt, indem sie den Arktischen Rat gegründet haben. Ständige Mitglieder sind die Polanreinerstaaten Norwegen, Finnland, Schweden, Island, Russland, Kanada und die USA. Hinzu kommen Beobachterstaaten, zu denen u.a. Deutschland, die Schweiz, Indien, Japan, Singapur und China gehören. Sie alle haben sich zur Aufgabe gemacht, Voraussetzung für einen sichere und umweltfreundliche Schiffahrt über die Polrouten zu schaffen. Dazu gehören allgemein anerkannte Regeln, die von allen Nutzern anerkannt und eingehalten werden (Eistauglichkeit der Schiffe, Navigationsvorgaben) und eine genaue Kenntnis über die Umwelt (Klima, Wetter, Seeströmungen, Eisbewegungen). Vieles wurde schon umgesetzt, auch die Schaffung von Infrastruktur an den unwirtlichen Küsten entlang der Routen (Häfen, Flugplätze und Rettungseinrichtungen).
- Russland und China – arktische Partner
Wegen des Routenverlaufs der am meisten befahrenen Nordost-Route, die entlang der russischen Küste führt, sind die Russen am weitesten bei der Schaffung dieser Voraussetzungen. Es wurden entlang der Route Häfen und Flugplätze gebaut. Acht atomgetriebene Eisbrecher stehen bereit, um in Notsituationen ins Eis zu fahren und zu helfen. Andere Länder wie China, die vom Seehandel über die Polroute profitieren, schicken regelmäßig Forschungsschiffe in die Arktis, um wissenschaftliche Daten zu sammeln. Alle diese Aktivitäten können Sie bei Wikipedia nachlesen. Sie werden in der Argumentation der NATO-Staaten gemäß der Verdummungsaxiome als verkappte militärische Maßnahmen hingestellt. Dabei ist unbestritten, dass Russland wie China den Seehandel über die Polroute brauchen. Die Russen, um überhaupt am globalen Seehandel zu partizipieren und die Chinesen, um zu den südlichen Seewegen nach Europa über den Suezkanal eine Alternative zu haben, sollte der durch Krieg und Unruhen entlang der Routen unterbrochen werden. Vielleicht liegt hier das wahre Interesse von Herrn Trump an Grönland. Er will Kontrolle über den Arktis-Seehandel. Grönland ist dabei wesentlich praktischer und billiger als eine Flugzeugträger-Gruppe. Er ist halt Geschäftsmann.
- Europas Interesse und Zukunft
Das für Europa vielleicht wichtigste Interesse sollte sein, mit einer Stimme zu sprechen. Man ist für Grönland und Dänemark gegen das Interesse der NATO-Führungsmacht eingetreten. Wenn das nachhaltig sein soll, dann wäre jetzt wichtig, die Verdummungsaxiome fallen zu lassen und den Kontrollwahn aufzugeben. Der Weg zu friedlichen Konfliktlösungen, in der Arktis und anderswo, stünde weit offen. [Ulrich Scholz, erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]































































