Wer Kinder liebt, der stellt alle Interessen dieser Welt hinten an
- Der Schutz der Kinder, die erste Menschenpflicht
Sie kennen vielleicht den Satz, den Jesus seinen Jüngern gesagt hat, als die verhindern wollten, dass Menschen ihm ihre Kinder bringen, damit er sie segne. „Lasst die Kinder zu mir bringen, denn ihnen gehört das Himmelreich!“ – Das Himmelreich, Synonym für geliebt werden und behütet sein, ein Ort, in dem es keine Angst gibt und jeder dem anderen ein Engel ist. In allen größeren Religionen bekommen Kinder, ähnlich wie im Christentum, besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge. Sie werden als Zukunftsträger der Gemeinschaft angesehen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Industrialisierung und Kriege haben bei uns dazu geführt, dass Kinder aus dem Schutz einer Fürsorge im christlichen Sinn herausgefallen sind. Als Freie geboren und in Erwartung des Himmelreichs galt auch für sie nach der Geburt sehr schnell das gesellschaftliche Prinzip des Leistens, Funktionierens und Gehorchens. Zudem erleben Millionen von Kindern bis heute statt des versprochenen Himmelreichs die Hölle. Sie sind die ohnmächtigen Opfer von Armut, Hunger und Krankheiten.
Erst nach dem zweiten Weltkrieg und mit dem Einsetzen der Globalisierung kam es vor allem in demokratischen Ländern zu einem ganzheitlichen Blick auf die Situation der Kinder in der Gesellschaft und in der Welt. Man hat ihnen formal Rechte zugestanden und zu ihrem Schutz Gesetze geschaffen. So hat die UN-Vollversammlung 1989 die Kinderrechtskonvention erlassen, die von 196 Staaten der Welt ratifiziert wurde. Die USA haben übrigens nicht unterschrieben. Die Schutz-Artikel der Konvention sind umfassend, scheitern aber oft an der Realität, Das gilt insbesondere für den Artikel 38 Schutz bei bewaffneten Konflikten. Eigentlich müsste der Artikel heißen: Schutz vor bewaffneten Konflikten. Damit wäre die Verantwortung für den Schutz unserer Kinder bei den Regierenden und die machen, trotz Kinderrechtskonvention, weiter wie bisher. Sie rüsten, führen Kriege und legitimieren ihr Tun durch das Verbiegen von Recht. Dabei werden das Leid und Töten von Kindern billigend in Kauf genommen. Diese ungeheuerliche Heuchelei soll am Beispiel des Luftkrieges deutlich werden.
- Der strategische Bombenkrieg, die erste große Heuchelei
Anlässlich einer Veranstaltung im Abaton Kino in Hamburg zum Gedenken der Opfer des Atombombenabwurfs auf die japanische Stadt Nagasaki am 09. August 1945 wurde eine Anime des japanischen Regisseurs Isao Takahata gezeigt. Der Titel lautete “Die letzten Glühwürmchen “. Der Film rührt an und ist sehenswert (Trailer). Er handelt vom Überlebenskampf zweier Kinder während und nach einem amerikanischen Bombenangriff mit Spreng- und Feuerbomben auf die japanische Stadt Kobe während des 2. Weltkriegs.
Der Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung im 2. Weltkrieg war ausgemachte Strategie der USA und Großbritanniens. Er hat seine Geschichte und belegt die erste schlimme Heuchelei. Nach Ende des 1. Weltkriegs waren es sogenannte Luftkriegsphilosophen wie der US-General William Mitchell, Kommandeur der amerikanischen Luftstreitkräfte in Europa während des ersten Weltkrieges, der schon 1920 forderte, die Bevölkerung des Feindes als Kombattanten anzusehen. Sie stellten die Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie und waren die Heimat-Motivatoren für ihre Soldaten an der Front. Geprägt durch das jahrelange Bluten und Sterben in den Gräben von Flandern und Nordfrankreich sann er nach einer Möglichkeit, einen zukünftigen Krieg schnell und siegreich zu beenden. Die Idee war, mit Feuer -und Chemiebomben die Städte des Feindes anzugreifen. Einer solchen Schrecklichkeit ausgesetzt, würde die Bevölkerung ihre Regierung zwingen, den Krieg sofort zu beenden. Da die Doppeldecker der Zeit weder die Reichweite hatten noch die nötige Zuladung tragen konnten, begann man in den USA, konsequent entsprechende Bomber zu entwickeln. Mitte der dreißiger Jahre rollte der erste einsatzfähige Bomber, die B17 Flying Fortress, vom Band. Sie erschienen wenige Jahre später in Pulks zu Hunderten über deutschen Städten. Wie die Geschichte zeigt, hat sich die Vorhersage von Mitchell nicht erfüllt. Die deutsche Bevölkerung hat sich von den Schrecklichkeiten nicht beeindrucken lassen und bis zur bedingungslosen Kapitulation ausgehalten und mitgemacht.
- Die Verregelung des Bombenkrieges, die zweite große Heuchelei
Das System Luftwaffe in den USA hängt bis heute dem Traum eines William Mitchell nach. Luftwaffen können Kriege gewinnen. Technik wie Hightech Kampfflugzeuge und Präzisionswaffen ermöglichen es, die Zivilbevölkerung in einem Konflikt zu schonen, wenn da nicht die Kollateralschaden wären. In der US-Doktrin, die von der NATO übernommen wurde, hat man sogenannte Rules of Engagements (ROE) eingeführt. Sie regeln die Gewaltanwendung im Krieg und schreiben u.a. vor, dass man bei jedem Waffeneinsatz zivile Opfer vermeiden soll. Die Ziele-Auswahl in einem Air Operation Center wird dahingeht von einem Juristen (Legal Advisor) begleitet. Dessen Aufgabe ist es, die zu erwartenden Zivilopfer bei einem Luftangriff im Rahmen des Kriegsvölkerrechts und der politischen Vorgaben zu begrenzen. Im Kriegsvölkerrecht ist es zum Beispiel verboten, zivile Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser zum Ziel zu machen.
Das ändert sich, wenn auf dem Gelände einer solcher Einrichtung der Gegner militärisches Gerät installiert (Flugabwehrkanonen, Raketenabschussvorrichtungen). Damit wird diese Einrichtung zu einem legalen Ziel. Die Opfer, Schulkinder, Lehrer, Kranke und Krankenhauspersonal, gelten dann als Kollateralschäden. Die Schuld für deren Leiden und Tod werden dem Gegner zugeschrieben. Damit wird diese Unmenschlichkeit ein Fall für die internationalen Gerichte in Den Haag, insofern man sie anerkennt. Der katastrophale Angriff auf die Schule im Iran zu Beginn des Krieges könnte genau nach dieser Logik erfolgt sein.
- Die letzten Glühwürmchen, eine endlose Geschichte?
Damit schließt sich der Kreis zu den letzten Glühwürmchen. Wenn Krieg Menschen, Kindern ein solches Leid zufügt, ist der Hinweis auf die Minimierung solcher Opfer Zynismus. Im Luftkrieg der NATO gegen Serbien 1999 um den Kosovo waren 600 zivile Opfer zu beklagen. Der kommandierende NATO-Luftwaffengeneral, US-General Short, nannte diese Opferzahl im Vergleich zu vergangenen Kriegen einen Erfolg. Die Perversion geht weiter. Die Technik ermöglicht es, Mini-Atomwaffen zu bauen. Deren Wirkung lässt sich regional begrenzen. Panzerformationen könnten punktuell bekämpft werden. Damit werden sie für Militärplaner ein probates Mittel der Kriegführung. Was bleibt, sind die Kollateralschaden. Die letzten Glühwürmchen, eine unendliche Geschichte.
Was uns bedroht, sind bei all ihrer Schrecklichkeit nicht Atomwaffen, sondern der Krieg. Wenn wir nicht lernen, unsere Konflikte friedlich auszutragen und von dem hohen Ross der Moralität heruntersteigen, dann wird der militärisch-industrielle Komplex übernehmen, wie es gerade wieder im Ukraine-Konflikt geschieht. Wir sollten endlich begreifen und das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Krieg der Menschlichkeit wegen zu verregeln Heuchelei ist. Wer Kinder liebt, der stellt alle Interessen dieser Welt hinten an. [Ulrich Scholz/ erstveröffentlicht auf Ulrichs Newsletter]




















